Artikel vom Server der Deutschen Bank. Azerbaijan, ein Land mit vielen Hoffnungen und Fragezeichen Wegen der Rußlandkrise und des Ölpreisverfalls hat sich die Konjunktur in Aserbaidschan Ende 1998 abgekühlt. Dieser Trend setzte sich in den
ersten fünf Monaten 1999 mit einem Wachstum von nur noch 5,8% gg.Vj. fort. Nach der Entdeckung eines Off-Shore-Erdgasvorkommens im 2.Q. 1999 wächst jetzt die Zuversicht in Baku wieder.
Anfang 1999 hatten sich einige ausländische Ölkonzerne nach enttäuschenden Probebohrungen aus dem Land zurückgezogen. Präsident Alijew mußte sich vor kurzem einer Herzoperation unterziehen,
was Besorgnis hinsichtlich der Entwicklung nach seinem Ausscheiden auslöste. Der Gesundheitszustand des Präsidenten, dem ein autoritärer Führungsstil nachgesagt wird, ist von entscheidender
Bedeutung für weitere Investitionszuflüsse, da der Präsident für die Stabilität des Landes und westlichen Zugang zu seinen Ölreserven steht. Rußlandkrise dämpfte Konjunktur Niedrige Ölpreise
und die Auswirkungen der Rußlandkrise dämpften auch Anfang 1999 noch die Konjunktur in Aserbaidschan. Rund 50% der Exporte des Landes wurden vor der Krise nach Rußland und in andere GUS-Staaten
ausgeführt. Entsprechend wurde das Land vom Zusammenbruch dieser Märkte getroffen und erlitt nicht nur Einbußen im Öl-Sektor, sondern auch in anderen Industriebereichen, in der Bauwirtschaft und
im Dienstleistungssektor. In den ersten fünf Monaten 1999 belief sich das BIP-Wachstum auf nur noch 5,8% gg.Vj. (1998: 10% gg. Vj.). Die Industrieproduktion legte im gleichen Zeitraum nur noch um
2,6% gg. Vj. zu. Eine merkliche Wachstumsbelebung hängt von einer nachhaltigen Erholung der Erdöl- und Erdgaspreise sowie der Konjunktur in Rußland ab. Wir können uns ein Wachstum von knapp 7%
gg. Vj. 1999 und 7,5% 2000 nach 10% 1998 vorstellen. Privatisierung gebremst Angesichts des nachlassenden Investoreninteresses infolge der Rußlandkrise verlangsamte Baku 1998 das Tempo der Privatisierung von
mittleren und großen Unternehmen deutlich, wodurch die Sanierung der Industrie verzögert und letztlich auch die Wachstumserwartungen für das Land gedämpft wurden. Die meisten kleineren
Unternehmen sind inzwischen privat. Als Folge verstärkte sich der Verfall der Preise von Privatisierungsanteilscheinen. Vier Anteilscheine kosten derzeit ca. USD 20; vor gut zwei Jahren lag der
Kurs noch bei USD 100. Nur wenn die “große Privatisierung” im 2. Hj. 1999 spürbar beschleunigt wird, werden ausreichend private Investitionen ins Land fließen. Zudem würde sich das Verhältnis zu
multilateralen Kreditgebern wieder verbessern. Die Weltbank hatte Ende 1998 eine Kredittranche in Höhe von USD 35 Mio. nicht freigegeben, nachdem die Privatisierung der größten Bank des Landes,
der International Bank of Azerbaijan, verschoben wurde. Inzwischen hat die Regierung die vollständige Privatisierung der Bank für Mitte 1999 angekündigt. Wechselkursabwertung Anfang Juli 1999 Die Währung
Aserbaidschans, der Manat (AZM), hatte im 1. Hj. 1999 nur etwa 2,3% gegenüber dem USD abgewertet. Real, d.h. unter Berücksichtigung der Inflationsentwicklung, wertete er allerdings gegenüber den
Währungen seiner Handelspartner auf. Das hat den Außenhandel des Landes belastet. Anfang Juli ließ die Zentralbank dann eine Abwertung von 6,9% gegenüber dem USD zu. Nach Angaben der Bank sollte
damit der deflationäre Trend gedämpft werden. Im Mai belief sich die Verbraucherpreisinflation tatsächlich auf -15,7% gg. Vj. Die Abwertung dürfte die Preise importierter Güter in die Höhe
treiben. Auf der anderen Seite kommen im Sommer verstärkt landwirtschaftliche Güter auf den Markt, was den Preisauftrieb dämpft. Wir rechnen deshalb weiter mit einer niedrigen Inflationsrate.
Steigende Investitionen in den Ölsektor Trotz zum Teil enttäuschender Bohrergebnisse und des Rückzugs einiger ausländischer Ölkonzerne flossen im letzten Jahr über USD 890 Mio., d.h. 62,5%
der gesamten Direktinvestitionen, direkt in den Öl-Sektor. Der Zufluß von Investitionen in die Ölindustrie hat sich bisher von Jahr zu Jahr erhöht, was die Bedeutung dieses Rohstoffs für
Azerbaijan unterstreicht. Die Regierung rechnet mit Investitionen von über USD 2 Mrd. pro Jahr ab dem Jahr 2001. Diese Schätzung ist nicht völlig abwegig vor dem Hintergrund einer Erklärung von
BP-Amoco Anfang Juli 1999, daß südöstlich von Baku im Kaspischen Meer ein umfangreiches Erdgasvorkommen im Shah-Deniz-Feld entdeckt wurde. Nach ersten Schätzungen sind über 400 Mrd. Kubikmeter
(cbm) vorhanden. BP-Amoco führt derzeit eine zweite Bohrung nach möglichen weiteren Vorkommen durch. Dieser unerwartete Fund könnte die künftige Erdölpolitik des Landes entscheidend verändern.
Wenn die Regierung in Baku verstärkt auf Erdgas setzt, könnten sich die Verhandlungen über eine Hauptexportpipeline für Öl verlangsamen. Möglicherweise könnten rund 20 Mrd. Cbm Erdgas pro
Jahr exportiert werden, wobei die Türkei der wichtigste Zielmarkt sein dürfte. Zur Zeit verbraucht die Türkei zwar nur etwa 14 Mrd. cbm pro Jahr. Für die kommenden Jahre wird aber ein deutlicher
Anstieg erwarten. Aserbaidschan verfügt noch nicht über eine ausreichende Infrastruktur für Gaslieferungen dieser Größenordnung. Derzeit ist der Export nur auf einem Weg möglich: durch eine
reparaturbedürftige Pipeline aus sowjetischer Zeit, die Georgien durchquert und vor der türki-schen Grenze endet. Eine neue Erdgasleitung nach Ankara dürfte schätzungsweise USD 2 Mrd. kosten.
Weiterhin hohes Leistungsbilanzdefizit Nachdem die Handelsbilanz 1997 nahezu ausgeglichen war, entstand 1998 ein Defizit von schätzungsweise USD 400 Mio., da die Exporte aufgrund der
niedrigen Ölpreise zurückgingen und die Importe weiter anstiegen. Das Leistungsbilanzdefizit weitete sich 1998 nach unseren Schätzungen auf knapp 17,5% des BIP aus. 1999 könnte das
Leistungsbilanzdefizit auf 22% des BIP steigen, wenn das Exportvolumen weitgehend unverändert bleibt und das Importvolumen infolge der Investitionen in die Öl- und Gasindustrie bzw. die
Exportinfrastruktur weiter ansteigt. Dieses beträchtliche Defizit dürfte aber weiterhin durch hohe Kapitalzuflüsse in Form ausländischer Direktinvestitionen sowie Kreditaufnahme im Ausland
finanziert werden können. Entscheidende Rolle von Präsident Alijew für künftige wirtschaftliche Entwicklung
Die politische Lage in Aserbaidschan ist von zentraler Bedeutung für die weitere Entwicklung
des Landes. Präsident Hejdar Alijew ist die herausragende politische Figur. Insbesondere die USA unterstützen den Präsidenten und sehen Aserbaidschan unter seiner Führung als stabilisierendes
Element in einer unsicheren Region und als Gegengewicht gegen den Einfluß Rußlands und des Irans. Infolge hoher US-Investitionen im Erdölsektor dürfte der Einfluß der USA im Land weiterhin
hoch bleiben. Tatsächlich bemüht sich Aserbaidschan, dem Einfluß Rußlands in der Region entgegenzuwirken, und orientiert sich verstärkt am Westen. Das Land befürwortet die NATO-Osterweiterung,
hat derzeit NATO-Beobachterstatus und strebt auf unbestimmte Sicht die Vollmitgliedschaft an. Dadurch will Baku ein Gegengewicht zur Unterstützung Rußlands für Armenien in der Auseinandersetzung
um Nagorny-Karabach schaffen. Baku hat – was den Unmut der armenischen Regierung erregte – bereits um eine Intervention der NATO im Konflikt um Nagorny- Karabach gebeten. Dies ist jedoch relativ
unwahrscheinlich. Allerdings hat die NATO immerhin zugesagt, beim Schutz der Ölpipelines des Landes mitzuwirken und aserbaidschanische Offiziere auszubilden. Die Tatsache, daß der Präsident das
Land mit seinen knapp 8 Millionen Einwohnern dominiert, birgt Risiken, denn ein Nachfolger für Alijew ist nicht in Sicht. Eine Herzoperation, der sich der Präsident im April 1999 in den USA
unterziehen mußte, hat entsprechende Besorgnis und Unsicherheit hinsichtlich eines Aserbaidschans ohne Alijew ausgelöst. Die in den letzten Jahren geschlossenen Abkommen über Kooperationen
bei der Ölproduktion und Probebohrungen in Höhe von über USD 60 Mrd. hängen zum Teil sehr direkt mit dem Präsidenten persönlich zusammen. Ein Ausscheiden des Präsidenten könnte zahlreiche bereits
durchgeführte Privatisierungen sowie Verträge zur Ölförderung tangieren. Ausblick
Der Zeitpunkt und das Tempo der Erholung der aserbaidschanischen Wirtschaft dürften von zwei Schlüsselfaktoren
abhängen: den Ölpreisen und der wirtschaftlichen Stabilisierung in Rußland. Die Situation Rußlands scheint sich zu konsolidieren; wir prognostizieren für dieses Jahr eine BIP-Kontraktion um nur
noch 2% und für nächstes Jahr ein Wachstum von 1%. Die Ölpreise haben sich erholt und dürften im 2.Hj. zumindest stabil bleiben. Infolgedessen dürfte sich das Wachstum Aserbaidschans von seinem
derzeitigen Niveau auf knapp 7% 1999 und ca. 7,5% im Jahr 2000 beschleunigen. Die unerwartete Entdeckung eines umfangreichen Erdgasvorkommens im Off-Shore-Feld Shah Deniz könnte zu einer
veränderten Rohstoffpolitik Aserbaidschans sowie höheren Exporten in die Türkei führen. Die jüngste Herzoperation Alijews hat die Aufmerksamkeit auf die Gesundheit des Präsidenten gelenkt, der
das Land dominiert. Wenn er die politische Bühne verließe, dürfte es zu beträchtlichen politischen Problemen und Unsicherheiten kommen, da die politische Nachfolge nicht geklärt ist.
Christopher Blevins |